Vor der Abwicklung

Herausgegeben von: Christian Dietrich

Der Themenschwerpunkt „Vor der Abwicklung“ rückt eine Phase in der Entwicklung der DDR-Gesellschaftswissenschaften ins Zentrum, die in der wissenschaftshistorischen Forschung bislang wenig Aufmerksamkeit fand. Die Beiträge untersuchen exemplarisch Themen und Projekte der philosophischen und historischen Disziplinen, die in den 1970er und 1980er Jahren diskutiert und realisiert wurden. Den Autoren geht es nicht zuletzt um die Frage, wie sich zeitgenössische Wissenschaftsgeschichte produktiv mit den DDR-Gesellschaftswissenschaften auseinandersetzen kann und was es dabei – jenseits eingespielter Reflexe – zu entdecken gibt.

Außerhalb des Schwerpunkts setzen wir die in Heft 4/2020 begonnene Debatte über Chinas Aufstieg zur Weltmacht fort: Im Rekurs auf den Begriff des Imperiums diskutieren Gunter Schubert und Rainer Land, welches theoretische Rüstzeug sich eignet, um Chinas globalpolitisches Verhalten zu verstehen. Michael Daxner widmet sich in seinem Essay drei schillernden Konzepten für das friedliche Zusammenleben in einer globalisierten Welt: Kosmopolitismus, Weltbürgertum und Global Citizenship. Er findet unterschiedliche Zugänge, um das Potential dieser Konzepte aufzuweisen, und skizziert Handlungsfelder weltbürgerlicher Politik. Ein globaler Anspruch liegt auch dem 2020 erschienenen „Zweiten Konvivialistischen Manifest“ zugrunde, mit dessen politischen Forderungen und theoretischen Prämissen sich Dirk Jörke kritisch auseinandersetzt. Der in Berliner Debatte Initial schon mehrfach diskutierte Konvivialismus (z. B. Heft 4/2015, 3/2019), der auf eine neue Art bzw. Kunst des Zusammenlebens zielt, verstricke sich aufgrund der im Manifest durchscheinenden Individuumzentrierung in Widersprüche. Die Vermittlung von Selbstsorge und Gemeinsinn ist gerade in der Corona-Krise eine der zentralen gesellschaftspolitischen Herausforderungen. Franziska Drescher, Joachim Allhoff und Nicola Marsden präsentieren Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, in der nach der Akzeptanz von Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung gefragt wurde. Ihre Analysen legen den Schluss nahe, dass für politische Entscheidungen in Zeiten der Pandemie neben naturwissenschaftlicher und medizinischer Expertise auch sozialwissenschaftliches Wissen relevant ist.

Stichworte: Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften, DDR, Wissenschaftsforschung, Geschichtswissenschaft

Erschienen: 4/2021

Inhalt

  • Die Dimensionen des Nachlebens der DDR-Gesellschaftswissenschaften
  • Zwischen kritischer Innovation und postmoderner Rekonversion
  • Philosophie in der DDR
  • Wer macht Geschichte?
  • Wie aus Friedrich „dem Zweiten“ wieder Friedrich „der Große“ wurde – oder auch nicht
  • Entwicklung zwischen den Zeilen
  • China – ein werdendes Imperium?
  • Kosmopolitismus, Weltbürgertum, Global Citizenship – der Himmel hängt voller Begriffe
  • Konvivialismus oder Die Ohnmacht des Sollens
  • Maßnahmen zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie: Was beeinflusst ihre Akzeptanz?
  • Besprechungen und Rezensionen 1/2021

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Coverbild von  Vor der Abwicklung

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Call for Papers | 13.06.2021

Einsamkeit – Geschichte sozialer Nichtbeziehungen

geschrieben von matthias.weinhold

Wir laden ein, Diagnosen und Verständnisse, aber auch Kulturen und Praktiken von Einsamkeit seit dem 18. Jahrhundert bis heute freizulegen, die sich räumlich nicht auf Europa beschränken müssen: Welche Normen und Werte liegen entsprechenden Positionen zugrunde? Welche sozialen Strukturen fördern oder überwinden Einsamkeit? Welche Transformationen und Kontinuitäten prägen die letzten 300 Jahre? In welchem Verhältnis stehen Einsamkeitsdiskurs und soziale, ökonomische und technische Veränderung: Wird in Phasen verdichteten Wandels Einsamkeit verstärkt thematisiert? Wann und für wen erscheint Einsamkeit als Bedrohung, Alleinsein als Freiheit? Wessen Einsamkeit und Alleinsein wird problematisiert, wessen legitimiert? Wie wird Einsamkeit bekämpft? Inwiefern wird sie als Zustand gesehen, in dem der Mensch zu sich selbst findet?

Call for Papers | 17.05.2021

Weltall, Erde, Mensch – Kosmos-Utopien im 20. und 21. Jahrh…

geschrieben von thomas.mueller

Als Juri Gagarin am 12. April 1961 als erster Mensch ins All flog, wurde ein alter Menschheitstraum wahr. 60 Jahre nach dem ersten bemannten Weltraumflug ist das politische und ökonomische Interesse am Kosmos neu erwacht. Kosmos-Utopien, die Träume vom Leben an einem ganz anderen Ort, fernab von der Erde, stimulieren Wissenschaft und Forschung, Kunst und Literatur, Politik, Wirtschaft und Philosophie. Der geplante Themenschwerpunkt soll die Vielfalt der Träume und Utopien widerspiegeln und zeigen, wie diese Träume im 20. und 21. Jahrhundert jeweils verarbeitet werden.

Aus der Redaktion | 09.04.2021

Heft 1/2021

geschrieben von thomas.mueller

In wenigen Tagen erscheint das neue Heft von Berliner Debatte Initial. Unser Themenschwerpunkt "Vor der Abwicklung" rückt eine kritische Phase in der Entwicklung der Gesellschaftswissenschaften in der DDR ins Zentrum, die in der wissenschaftshistorischen Forschung bislang wenig beachtet wurde.

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